London 2012 füllt seinen Hinterkopf aus

17.12.2008 | NNN – Rostock

Schon von Olympia in Peking trennten Gordan Harbrecht (Rostocker Kanu-Club) nur drei Sekunden
Olympia in Peking kam für Gordan Harbrecht vom Rostocker Kanu-Club noch etwas zu früh. London 2012 aber hat der so gut wie 23-Jährige voll im Visier.

Gordon heißen sicher nicht allzuviele, aber einige schon. Gordan hingegen?! Das ist deutlich exklusiv. Den womöglich einzigartigen Vornamen hat Gordan Harbrecht ebenso seinen Eltern Ina und Edgar zu verdanken wie das sportliche Talent: Beide paddeln auch, fahren beim SV Breitling Drachenboot. So nimmt es nicht wunder, dass zumindest eines ihrer Kinder (Tochter Linda/20 ist gegenwärtig in Australien als Rucksacktouristin unterwegs) ebenfalls ins Kanu fand.

Mit acht saß der nunmehr fast 23-Jährige nach einem Abstecher zum Schwimmen erstmals im Boot – und blieb „an Bord“. Unter dem früheren Kanumarathon-Landestrainer Dirk Ohlrich legte er sein Augenmerk zunächst auf die langen Strecken, über 30 Kilometer am Stück, inbegriffen sogenannte Portagen, in denen laufend und tragend von einem Gewässer ins nächste übergewechselt wird.

„Ich habe mich anderthalb Jahre gehen lassen“ Erfolge stellten sich ein. So war Gordan 2002 im Zweierkajak gemeinsam mit Arne Lindstädt, seinem Vereinskameraden vom Rostocker Kanu-Club, Zweiter beim Weltcup und Weltmeisterschafts-Vierter. Doch dann suchte ihn im Winter 2002/03 das Pfeiffersche Drüsenfieber heim. Hinzu kam ein Meniskusriss. Harbrecht stand kurz vor dem Ende einer Karriere, die eigentlich noch gar nicht begonnen hatte: „Ich paddelte nur noch nach Lust und Laune, ohne System. Von Leistungssport konnte keine Rede mehr sein. Ich hatte auf Deutsch gesagt die Schnauze voll, befand mich in einem ganz schönen Tief, habe mich anderthalb Jahre gehen lassen.“

Doch irgendwann kam Gordan zu sich, gelangte zu der Erkenntnis: „Entweder mache ich das richtig – und das bedeutet, zwei Einheiten am Tag sind zu wenig – oder gar nicht.“ Seitdem trainiert er (zumindest in der wärmeren, helleren Jahreszeit) allein dreimal täglich auf dem Wasser (in der Regel 7.30, 11 und 15 Uhr). Dazu kommen Kraft, Schwimmen usw. In Silke Bull hat er seit zwei Jahren eine kompetente Begleiterin. Die frühere Weltmeisterin (Viererkajak 1990 in Posen/Polen), Geschäftsführerin des Rostocker INJOYmed-Fitnessstudios, „hat das in die richtigen Bahnen gelenkt“, so ihr dankbarer Schützling. Leistungsdiagnostik, Technikschulung und spezielles Rückentraining heißen die Stichwörter – und darüber hinaus verbreitet die 42-Jährige gute Laune. Nicht nur bei Harbrecht: „Ich bin ja auch einmal die Woche bei ihr zum Rumpftraining. Da singt sie mit und sorgt für Stimmung“, berichtet er begeistert.

Indem sich der Maschinenbau-Student den A… aufriss, um Versäumtes aufzuholen, kehrten auch die Erfolgserlebnisse zurück. Schätzungsweise 60 bis 80 Medaillen, dazu um die zehn Pokale hat er erobert, nicht wenige davon nach seinem „Comeback“. Den sportlichen Lorbeer an exponierter Stelle zu zeigen, „darauf lege ich aber nicht so ’n Wert“. Das sieht in der Praxis dergestalt aus, dass sich die Plaketten in einem Beutel befinden. Ein, zwei Trophäen stehen auf dem Schreibtisch, jedoch so hinter dem Computer, dass sie keiner sieht. Der Rest ist im Keller. Immerhin: „Da hab’ ich sie mir schon mal angeschaut. “

Eine olympische Medaille könnte Gordan Harbrecht zu einem Umdenken veranlassen. Peking 2008 verpasste er als Sechster des B-Finals bei der Qualifikation in Duisburg um ca. drei Sekunden. Auf der halben Distanz, 500 Meter, war er B-Siebenter, der Rückstand zum A-Sieger noch geringer. Insofern redet der 1,94-m-Mann auch nicht lange um den heißen Brei herum: „Mein Ziel ist London. Olympia 2012 habe ich im Hinterkopf – das heißt, es füllt meinen gesamten Hinterkopf aus.“

Würde bedeuten, dass er sein Studium gegebenenfalls über den eigentlichen Abschluss 2011 hinaus ausdehnen müsste. Für den Gedanken, sich später als Diplom-Ingenieur vielleicht in Richtung Automobilbau beruflich zu orientieren, hat er in seinem Schädel noch ein bisschen Platz gelassen. Vorerst aber setzt er voll auf den Kanurennsport – a) „weil ich mich gern quäle und an meine Grenzen gehe“, b) „wegen des Gefühls, wenn das Boot ein bisschen aufschwimmt und durchs Wasser schießt, angetrieben von einem selbst“.

Dass Gordan Harbrecht sein Ziel erreichen kann, davon ist auch Silke Bull überzeugt. „Das traue ich ihm zu“, so die Präventions- und Gesundheitstrainerin. „Ich begleite ihn seit 2006. Seitdem hat er einen enormen Leistungsprung gemacht. Wenn es gut läuft, ist er nächstes Jahr in der Nationalmannschaft, spätestens jedoch 2010.“

Peter Richter

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