Rostocker Kanute nimmt Kurs auf Olympia 2012

Ostseezeitung

Gordan Harbrecht will an erfolgreiche Kanu‐Traditionen in Rostock anknüpfen. Um sich den Traum von der Olympia‐Teilnahme 2012 in London zu erfüllen, ordnet der Student seinem Sport alles andere unter.

Das Gelände des Rostocker Kanu‐Clubs ist idyllisch im Grün an der Warnow gelegen. Freizeit‐Paddler üben hier und Kanu‐ Wanderer leihen sich Boote aus. Leistungssportler jedoch würde hier, zwischen Flussbad und Bootshäusern, wohl niemand vermuten. Doch der Eindruck täuscht, hier trainiert ein ambitionierter Athlet: Gordan Harbrecht, 24 Jahre alt, Ziel Olympia 2012. An den Händen hat er Schwielen vom rauh abgetapten Paddelgriff, 1,94 Meter groß, 96 Kilogramm schwer, ein Kerl wie ein Baum. 40 Klimmzüge schafft er, als Harbrecht sein Lungenvolumen messen wollte, war das Gerät bei siebeneinhalb Litern „auf halbem Weg“ im Anschlag.
Harbrecht gehört zu den besten Kanuten des Landes. Er hat es in dieser Saison in den Nationalkader geschafft. „Diesen Schritt zu machen, das war wichtig“, sagt er. Der Aufsteiger will die Traditionen erfolgreicher Rostocker Kanuten fortsetzen. Die Hansestadt hat Größen wie die Kajak‐Olympiasiegerinnen Anke von Seck (ehemals Nothnagel) und Ramona Portwich hervorgebracht. Seit einiger Zeit jedoch liegen die Ausbildungszentren des Sports eher in Neubrandenburg oder Potsdam. Viele rieten ihm, er solle Rostock verlassen, um sein Training effektiver zu gestalten, doch Harbrecht blieb: „Ich sehe das eher als Vorteil, hier mein Pensum allein durchzuziehen. Das lehrt Selbstständigkeit.“

Der ehemalige Schüler des Innerstädtischen Gymnasiums fuhr bis 2007 den nichtolympischen Kanumarathon, war bester Deutscher, aber Aufwand und Ertrag hielten sich nicht die Waage. Harbrecht entschied sich, seine ganze Konzentration auf die Sprintstrecken zu lenken. Dabei geholfen hat ihm die ehemalige Weltklassekanutin Silke Bull. Die Weltmeisterin von 1990 und studierte Psychologin motivierte das ehrgeizige Talent und lehrte es, dass für den Profisport auch einige Opfer gebracht werden müssen. Harbrecht ordnet dem Sport nun alles unter. Drei bis vier Trainingseinheiten absolviert der Modellathlet täglich — Krafttraining an Land, Wettkampfstrecken bolzen, Kilometer schrubben, mit Widerstand und ohne. „Ich kann in meinem Kajak schlafen, so viel Zeit, wie ich darin verbringe“, meint er lachend.

Gordan Harbrecht liebt es, „einfach alles aus sich herauszuholen und die bestmögliche Leistung abzurufen“.
Das ist dem Rostocker Maschinenbaustudenten zuletzt oft gelungen. Bei der nationalen Qualifikation über die olympische 1000‐Meter‐Distanz im April landete er auf dem dritten Platz, bei seinem ersten Weltcup im Mai paddelte er auf Rang vier im B‐Finale. „Ein guter Einstand“, wie er findet. Für die Europameisterschaften im spanischen Trasona Anfang Juli reichte es trotzdem noch nicht. „Die Boote sind alle eingefahren und waren international erfolgreich — da ist es schwer, jemanden zu verdrängen“, ist sich der Neuling bewusst. Dennoch sei es bisher „eine supererfolgreiche Saison“.
Die Chancen, bei den Olympischen Spielen 2012 in London für Deutschland an den Start zu gehen, schätzt er als gut ein. „Am liebsten natürlich im Vierer“, liebäugelt Harbrecht mit dem „Königsboot“ der Kanuten. Dafür empfehlen kann er sich Ende August bei den Deutschen Mannschaftsmeisterschaften in Köln. Der Rostocker tritt dort im Zweier mit Sebastian Lindner an, im Vierer sitzen zudem Paul Mittelstaedt und Olympiasieger Martin Hollstein (alle Neubrandenburg) mit im Boot.
Seine Leistungen haben sich inzwischen herumgesprochen, viele ihm fremde Menschen kennen den Sportler bereits. „Vor allem Ältere, die sagen: ,Ach, du bist das, ich hab von dir gehört. Mach weiter so!“ Beim Weltcup musste er schon Autogramme geben. Wenn Gordan Harbrecht 2012 sein großes Ziel erreicht, kennt ihn wohl die ganze Stadt.
CHARLY HEBERER

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